Care-Marken? Nein, danke!

Texter in Siegen

Warum ich kein Marketing für den Gesundheitssektor mache

In diesen Tagen ist wohl annähernd jedem bewusst geworden, wie wertvoll ein intaktes Gesundheitssystem ist. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass man insbesondere in den sozialen Netzwerken Dankssagungen an diejenigen liest, die den Laden auch in Zeiten des Lockdown am Laufen halten. Vor allem dem Pflegepersonal wird applaudiert. 

Das ist schön. Doch Applaus und warme Worte bringen keinem Altenpfleger und keiner Krankenschwester irgendetwas. 

Es ist ein Teufelskreis. Die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Pflege- und Gesundheitssektor sind schlecht. Zu wenig Gehalt, zu hohe Belastungen, zu wenig Personal. Nachwuchs und pflegerische Fachkräfte sucht man vergebens. Das liegt natürlich auch daran, dass die Arbeitsbedingungen sich nicht zum Besseren ändern. 

Bei einem Wirtschaftsunternehmen wäre das wohl ein klarer Fall fürs Marketing. Warum nicht eine groß angelegte Employer Branding-Kampagne launchen und das Bild, das Krankenhäuser, Medizinische Versorgungszentren oder Pflegeeinrichtungen als Arbeitgeber abgeben, ins rechte Licht rücken und das Image hübsch aufpolieren? 

Das Gesundheitswesen aber hat kein Imageproblem, jedenfalls nicht nur. Das wir heute von “Pflegenotstand” oder “Pflege am Boden” sprechen, hat ganz andere Ursachen als die fehlende Attraktivität von Pflegeberufen an sich. Das Problem ist, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wie gewinnorientierte Unternehmen geführt werden (die dann auch vermeintlich Marketing benötigen…). Hier empfehle ich, sich einmal den Film “Der marktgerechte Patient” anzuschauen. Seit den 1990er Jahren etwa hat sich die Zahl der privat betriebenen Krankenhäuser in Deutschland verdoppelt und Konzerne wie Asklepios, Helios, Sana oder Rhön-Kliniken teilen sich den “Markt”. Die Journalistin Julia Fritzsche beschreibt diesen Sachverhalt sehr anschaulich: Krankenhauskonzerne haben zwischen 2011 und 2017 ihren Gewinn verdoppelt, “weil sie sich auf lukrative, planbare Fälle spezialisiert haben. Komplizierte, schwierige, weniger lukrative Fälle und viele Notfälle bleiben so an öffentlichen Häusern wie der Charité hängen. Entscheidend für die Situation heute war neben diesen Privatisierungsfolgen aber vor allem das von Rot-Grün 2003 eingeführte Fallpauschalensystem.” 

Gesundheit ist keine Ware und darf auch nicht als solche behandelt werden, denn nicht umsonst ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit als Grundrecht aller Menschen im Grundgesetz verbrieft. Ein funktionierendes und für alle gleichermaßen zugänglich Gesundheitssystem ist Teil der Grundversorgung der Bürger, gehört somit in öffentliche Hand und darf nicht gewinnorientiert sein. Daran ändert weder ein verbessertes Image noch die beste Employer Branding-Kampagne etwas. 

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